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Для тех, кто знает язык. Избранное из прекрасного, потому без перевода. Редкий образец рафинированного немецкого гуманитария.

Hugo Andreae, "Kleine Stilgeschichte", 13. Auflage, 2006

Äußere und innere Voraussetzung für die Entstehung des romanischen Stils waren die politischen Zustände der Länder Mitteleuropas und die geistige Situation der Menschen in diesen Gebieten: Als nach den Wirren der Völkerwanderung in der Gestalt des Frankenreiches eine neue europäische Ordnungsmacht entstand und unter den Karolingen die große Bedrohung durch die Mauren abgewehrt wurde, war eine äußere politische und soziale Ordnung geschaffen, in der eine künstlerische Kultur reifen konnte.


Die Bezeichnung dieser From- und Gestaltenwelt als gotisch ist irreführend, den Geist und Wesen der jüngsten Epoche des Mittelalters, der Zeit von 1200 bis 1500 n. Chr., haben mit den Goten nichts zu tun. Da es aber die wandernden Germanenstämme der Goten gewesen waren, unter deren Ansturm das römische Reich einst zusammenbrach, so empfand die Renaissance, die die antike Welt wieder heraufführen wollte, die ablaufende Epoche als gotisch und barbarisch und bezeichnete sie so.

Nicht zuletzt sind aber auch die besonderen Bedingungen Frankreichs zu sehen, wenn nach der Herkunft der Gotik gefragt wird. Denn schon früh hat der französische Geist die Neigung bewiesen, den Dingen mit der kritischen Kraft der Vernunft auf den Grund zu gehen, die Welt rational zu analysieren und nach Einsichten zu gestalten, anstatt sich unkritisch der Wirkung der Dinge hinzugeben und von ihnen führen zu lassen. Ohne eine vernunftgeführte Analyse aber sind die Leistungen der gotischen Baukunst, die den statischen Kräften im Baukörper nachspürte, nicht denkbar.

Als größtes und schönstes Bauwerk der Gotik in Deutschland gilt der Kölner Dom. Seine Baugeschichte ist ein Spiegel der Geschichte des deutschen Volkes und Geistes: Die Grundsteinlegung erfolgt im Jahre 1248, und der Bau schreitet nach den alles Bisherige übertreffenden Plänen des Meister Gehrad voran. Im Jahre 1322 ist der Chor vollendet und wird geweiht. In den nächsten Jahrhunderten jedoch erlahmt die Kraft der Menschen; der Bau kommt nur langsam vorwärts. Das Langhaus, das Querhaus, die zweitürmige Fassade werden in Angriff genommen; dann verlischt in der Renaissance der Wille zum gotischen Dombau ganz; seit 1560 ruht das große Werk endgültig. In den Nottagen des Dreißigjährigen Krieges, in den folgenden Jahrhunderten des Reichzerfalles bleibt alles liegen. Bis dann im 19. Jahrhundert der wiedererwachte Sinn der Romantik für die Größe der deutschen Vergangenheit und das junge Nationalgefühl der Deutschen das Werk wiederaufnimmt. Von 1842 bis 1880 wird der Bau vollendet -- nach den alten Plänen, aber mit den technischen Mitteln der modernen Baukunst.

Und das Straßburger Münster war es auch, bei dessen Anblick der junge Goethe sich und den Zeitgenossen den Blick öffnete für die Schönheit der alten deutschen Baukunst, während man zuvor das Münster ein "krausborstiges Ungeheuer" genannt hatte.

Der Umstand, daß es die Zeit Goethes war, die den barocken Formen absagte, hat bewirkt, daß die folgenden Generationen sich den Blick für die Großartigkeit dieser Welt verstellen ließen. Heute hat der Barock die Bewunderung der Menschen, denn man hat erkannt, daß nicht zuletzt das deutsche Volk in diesen Tagen an genialen Künstlern reich gesegnet war und vor allem eine große Anzahl bedeutendsten Baumeister bei uns Unvergleichliches schuf. So ist uns Heutigen der barocke Stil ein Zeugnis dafür, wie nach den Tagen des Verfalls im 30jährigen Kriege und nach einer Zeit politischen Niedergangs der deutsche Geist binnen einer Generation eine neue Blütezeit der Kultur heraufführte.

Der dritte Stand, das Bürgertum, forderte die Gleichheit aller Menschen und das Ende der ständischen Bevorrechtung von Adel und Geistlichkeit. Die Kritik wies auf den parasitären Charakter der Rokoko-Kultur, auf die Ausschweifungen ihrer überfeinerten und unnatürlichen Lebensformen hin und wollte ein Leben der Reinheit und Klarheit.

Die französische Revolution verstand ihr Programm als einen Rückruf auf die politischen Grundsätze der römischen Republik und die Hinrichtung des Königs als einen Tyrannenmord wie die Tat des Bruts. Napoleon selber begriff sein System, das Empire, als Wiedererweckung römischer Größe und Weltgeltung aus cäsarischer Zeit und ließ sich mit dem Lorbeerkranz auf dem Haupte darstellen.

Johann Joachim Winckelmann, Altertumswissenschaftler und Kunsthistoriker -- eines Schuhmachers Sohn aus Stendal --, verkündete das Evangelium der griechischen Kunst und ihres Menschentums, von "edler Einfalt und stiller Größe", und die Goethezeit ist nicht müde geworden, für die Vorbildlichkeit und Unerreichbarkeit des Hellenentums zu zeugen. So haben sich denn auch die gestaltenden Künstler -- an Zahl und Bedeutung geringer als die Wort- und Tonkünstler der Zeit -- dem antiken Ideal unterworfen. Dabei wird in Deutschland der Formenwelt der griechischen Antike der Vorzug gegeben, während man in Frankreich dem römischen Vorbild nacheifert.

Das Werk [Neue Wache in Berlin] ist von spartanischer Knappheit und repräsentiert den preußischen Geist strenger Selbstdisziplin und Pflichterfüllung.

Das Eiserne Kreuz, seit den Freiheitskriegen die Tapferkeitsauszeichnung der deutschen Soldaten, verdankt seine From einem Entwurf des großen [Friedrich] Schinkel. Die edle Strenge seiner Konturen und die Fläche aus schwarzem Eisen mit schmalem Silberrand drücken den Gedanken der Pflicht und des Opfers aus, unter den sich die Menschen jener Zeit gestellt hatten.

Das Empire trägt seinen Namen nach dem Weltreich Napoleons. Es ist der Möbelstil einer Zeit mit einem großen politischen Programm -- der Neuerrichtung des Weltreiches der römischen Cäsaren. Dies drückt sich in der strengen, würdigen Linie seiner Schöpfungen aus.

Der Schrank ist mit Rutenbündeln, dem Zeichen der römischen Republik, geschmückt, denn die französischen Revolutionäre verstanden sich als Nachfahren der römischen Republikaner.

Mit dem Ende Napoleons und seiner Macht begann die Restauration, die Wiederherstellung des Althergebrachten, in Europa. Die Menschen empfanden die Französische Revolution und die Kriegszeiten, die ihr folgten, als eine Störung der tausendjährigen Ordnung der Welt und wollten die alten Zustände wiederherstellen. So fand mit dem Empire auch der danach benannte Prunkstil sein Ende. Es entstand eine neue Linie der Räume und Möbel, wobei die klassizistische Grundform, die Klarheit und Großflächigkeit, erhalten blieb.

Neben diesen Vorbildern wirkte auch die Armut der Zeit nach den großen Kriegen mit und außerdem die Neigung der Menschen, den politischen Leidenschaften der großen Welt abzusagen und sich auf die innere Welt des Gemüts und den Kreis des häuslichen Lebens zu beschränken. Unter dem Eindruck einer solchen Lebensstimmung entstand der Biedermeierstil mit seinen einfachen, klaren, sympathischen Formen.

Gegen die übersteigerte Künstlichkeit der Rokoko-Kultur erhob sich der Ruf Rousseaus: Zurück zur Natur! Die Griechen galten dem folgenden Geschlecht, wie wir hörten, als Beispiel für unverfälschtes, natürliches Menschentum. [...] Wo Klima und Wetter es gestatteten, gab das Gewand Arme und Schultern frei; zu keiner Zeit war das Dekolleté tiefer als in diesen Tagen.

Mit dem Ende der klassizistischen Strömung erlahmen in allen Ländern Europas die bildschöpferischen Kräfte. Es gibt zwar noch manche bildenden Künstler von Rang, aber die Einheitlichkeit des künstlerischen Ausdrucks und die innere Sicherheit der Formgebung, die wir an vergangenen Epochen bewundern und die zum Wesen des Stils gehören, gehen verloren. Die Künstler des neunzehnten Jahrhundert sind im wesentlichen kopierende und wiederholende ohne die Kraft schöpferischer Neuformung; die der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zeigen viele neue künstlerische Impulse, bleiben aber Suchende und Tastende.

Die große Aufgabe, die im 19. Jahrhundert die Technik der menschlichen Schaffenskraft stellte, ließ alle Talente und alle Mühe sich den technischen Problemen zuwenden. Auch war die Zeit aus Gründen, die der menschlichen Einsicht nicht offenliegen, ärmer an künstlerischen Genies als andere Epochen unserer Geschichte.

Die Maschinenwelt habe zum Künstlerischen keine Beziehungen, so war jetzt die Meinung. Die technischen Dinge müßten neben jenen, denen die Kraft künstlerischer Aussage seit altersher innewohnt, in Kauf genommen werden. Aber die Häßligkeit der technischen Geräte ließ den Künstlern keine Ruhe. Die Geräte der alten Zeit -- ein Hammer, eine Axt, ein Leuchter -- hatten doch auch ihre eigene Schönheit.

Es ist das Verdienst des "Werkbundes" gewesen, diese Aufgabe zum ersten Male gelöst zu haben. Der Werkbund, eine 1907 gegründete Vereinigung von Künstlern, Architekten und Fabrikanten, hatte sich die Befreiung unserer Gebrauchsgeräte von den Formen des Historismus zum Ziel gesetzt. [...] Die "Industrieform" ist so eine der großen künstlerischen Leistungen unseres Zeitalters geworden.

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